Gedanken zum dritten Kapitel der Yoga Sutren von Patanjali, ‘Vibhuti Pada’ oder ‘Über die übernatürlichen Kräfte’

English Version

Das dritte Kapitel der Yoga Sutren war immer das umstrittenste Kapitel. Patanjali, völlig wertfrei und aufrecht bis auf die Knochen, hat in den Yoga Sutren absolut nichts verborgen, wie es so gerne in unserer heutigen Zeit gemacht wird, wo Wissen absichtlich zurückgehalten wird, um einigen wenigen Macht über andere zu geben, damit sie sich als etwas Besonderes und Göttliches fühlen können.

Patanjali war mehr wie ein Wissenschaftler, aber einer in der ursprünglichen Bedeutung, nicht einer, der in irgendeinem geheimen Untergrundlabor arbeitet. Er war ein Wissenschaftler, der mehr mit den heutigen Bewegungen zu ‘Freier Information’, ‘Freier Software’ und dem Gedanken des ‘Teilens’ übereinstimmt, welche immer mehr Boden im menschlichen Bewusstsein einnehmen. Durch das freie Geben von etwas, was man auf einfache Art geben kann, macht man diese Welt zu einem besseren Platz für andere, und damit in der Umkehr auch wieder einen besseren Platz zum Leben für einen selbst. Beseelt von diesem Geist profitieren alle.

Patanjali urteilt nicht in den Yoga-Sutren, er beobachtet und beschreibt das Gelände objektiv, gleichsam eine Karte des Geistes erstellend. Als solcher objektiver Beobachter zeigt er uns im dritten Kapitel der Yoga-Sutren, was viele ‘New Age’-Bewegungen mehr und mehr als gegeben anerkennen:
Wir sind die Schöpfer unserer Realität. Aber nicht nur das, wir erschaffen diese Realität nicht nur, bevor wir auf diesen Planeten kommen, wir können diese Realität auch nachher verändern, indem wir uns der Kraft unserer Gedanken und Aufmerksamkeit bewusst werden, und unsere Achtsamkeit bewusst auf die Gedanken lenken, die wir erleben möchten.

Gedanken haben Kraft. In feinstofflichen, nicht aus Fleisch und Blut gemachten Körpern, kann ein Gedanke sofortige Ergebnisse erzielen. Dort gibt es kaum Hindernisse wie auf unserer dichten und zähen Ebene der Verkörperung. In dem gegenwärtigen Schwingungsmuster der Erde ist ein Gedanke in Zeit und Raum eingebettet, und braucht daher Zeit und einen Ort um sich zu materialisieren, um sich in der Welt unserer Erfahrungen zu zeigen.

Aber das Erfordernis von Zeit liegt nicht darin begründet, daas unsere Körper so unbeholfen sind. Nein, tatsächlich haben unserer Körper und unser Geist alle Fähigkeiten bewusste und verantwortungsvolle Schöpfer dieser Realität zu werden. Wir sind uns dessen nur nicht bewusst und werden auch bewusst von dieser Erkenntnis ferngehalten. Viele Organisationen sind nur zu dem einen Zweck erschaffen worden, die Macht zu zentralisieren und uns fernzuhalten von der Schöpferschaft, uns stets minderwertig und klein fühlen zu lassen.
Diese Menschen wissen dies nur zu gut, und sie möchten nicht, das wir uns dessen bewusst werden.
Aber daran ist nichts Verkehrtes. Du selbst hast wahrscheinlich genau dieselben Tendenzen in dir. Werde dir dessen bewusst, segne sie und wende dich den Gedanken und Gefühlen in dir zu ,die du wirklich nähren und teilen willst. Indem wir das tun, respektieren wir die anderen als aus demselben Stoff gemacht, Bewusstsein, Brüder und Schwestern von uns. Indem wir uns dessen bewusst werden, erkennen wir, das wir alle an derselben Erfahrung teilnehmen, eine Erfahrung die an ihren Extremitäten (uns Menschen) denkt, sie wäre getrennt voneinander. Sich dessen bewusst werdend, erkennt man, dass man immer sich selbst verletzt, wenn man andere verletzt.

Die Überschrift für das dritte Kapitel ‘Über die übernatürlichen Kräfte’ ist in allen Übersetzungen, die ich kenne, falsch übersetzt. Ganz einfach aus dem Grund heraus, das es so etwas wie ‘übernatürlich’ gar nicht gibt, niemals geben kann. Jeder Gedanke, selbst der unbewusste, formt sowieso immer die eigene Wirklichkeit. Sich dessen bewusst werdend, erkennt man, dass jeder Gedanke den man bewusst in einem ruhigen Geist denkt, einfach nur ein größeres Potential hat die eigene Erfahrungsrealität zu formen, als ein Gedanke der in einem unruhigen Geist erscheint. Der Schlüssel ist Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit gepaart mit Intention.

Solchermaßen an der Übersetzung ‘übernatürlich’ für das Sanskrit-Wort ‘Vibhuti’ zweifelnd, habe ich mir einfach mal die möglichen Übersetzungen für das fragliche Wort im ‘Monier Williams Sanskrit Wörterbuch’ der Universität Köln nachgesehen.
(http://www.sanskrit-lexicon.uni-koeln.de/monier/)
(‘Vibhuuti’ in das ‘citation’-Feld eingeben und als ‘input’-Kodierung ‘ITRANS’ auswählen)

Die ersten vier Bedeutungen waren (in Klammern meine deutsche Übersetzung der englischen Suchergebnisse):

  • penetrating, pervading (eindringend, durchdringend)
  • abundant, plentiful (ergiebig, im Überfluss)
  • mighty, powerful (mächtig, kraftvoll)
  • presiding over (über etwas stehend)

Die Übersetzung ‘abundant, plentiful’ ist mit RV markiert. Das bedeutet, diese Bedeutung erscheint im Rig Veda, einem der ältesten Texte der Menschheit die wir bisher kennen.

(Das ‘Pada’ in ‘Vibhuti Pada’ bedeutet wörtlich ‘Fuß’ und wird in vielen Büchern mit genau vier Kapiteln als ‘Kapitel’ verwendet. Das Buch steht also auf vier ‘Füßen’, Kapiteln.)

Ich denke, das all die Bedeutungen oben für Vibhuti in Betracht gezogen werden müssen. Ich nehme an, dass Patanjali dieses Wort ganz bewusst gewählt hat, davon ausgehend, das die Kapitelüberschriften von ihm stammen und keine spätere Ergänzung sind. Auch nehme ich an, dass er sich all dieser Bedeutungen und Geschmäcker, die mit diesem Wort verbunden sind, bewusst war.

So wird meiner Meinung nach die folgende Übersetzung für die Überschrift des dritten Kapitels dem Wort vibhuti mehr gerecht:

“Über Fülle und Überfluss”

Damit wird das Ergebnis der Praxis von Samyama treffend beschrieben, der Technik die im dritten Kapitel genau beschrieben wird. Samyama ist der Name, den Patanjali der Technik gibt, in der Leere des Geistes einen einzelnen Gedanken ganz bewusst und sanft zu denken, etwas, was jeder erfahrene Meditierende wahrscheinlich kennt. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man einen ruhigen, stetigen und leeren Geist entwickelt hat. Wie man das erreicht, beschreiben die zwei vorangehenden Kapitel der Yoga-Sutren.
Mehr ist es eigentlich nicht. Sobald man in der Lage ist, seine Erfahrungen im Leben bewusst zu formen, einfach durch bewusstes Denken und bewusste Achtsamkeit in dieser stillen Ebene der Bewusstheit, lebt man in der Tat ein Leben der Fülle. Man ist dann in der Lage seine Realität so zu gestalten, wie man sie leben will, und hier gibt es wirklich keine Grenzen.

Hier ist es wichtig, auf eine weitere Sache hinzuweisen:
Du bist nicht von der Gesamtheit um dich herum getrennt! Wie tief auch immer du in deine innere Stille sinken magst, wie klar auch die eigene Achtsamkeit in dieser Stille ist, man ist in die Schwingung dieses Planeten eingebunden. Das bedeutet, die überwiegende Schwingung der Mehrheit der Menschen auf dieser Erde, wird dich zurückholen. Du wirst es nicht mögen, aber daran ist tatsächlich absolut nichts falsch. Genau deswegen bist du wahrscheinlich sogar hier, um deine Nase aus dem Meer herauszustecken, deine Schwingung zu erhöhen und dann zurückzukommen und sie mit anderen zu teilen. Indem man dieses stetig wiederholt, durch viele, viele Menschen, kann man in der Tat die Fesseln der jahrtausendealten Ausbeutung auf diesem Planeten dauerhaft abwerfen, für alle.
Die Schwingung wird sich nach und nach erhöhen. Menschen mit egozentrischen Motiven, die Macht über andere brauchen, um sich wohlzufühlen, werden sich darin nicht mehr wohlfühlen und daher ungern wiederkommen.

Manche Menschen werden diese Yoga-Technik lernen wollen eben wegen den darin beschriebenen ‘übernatürlichen’ Kräften.
OK, diese ‘Kräfte des Überflusses’, wie ich sie nun lieber nennen möchte, sind klasse, aber trotzdem, kannst du die Verantwortung für diese Kräfte übernehmen, wenn du nicht einmal deine jetzigen Kräfte bewusst einsetzen kannst?
Denk mal darüber nach!
Warum willst du übernatürliche Kräfte haben?
Du hast bereits Kräfte. Benutze sie weise und selbstlos.

Das System hat in der Tat eine Art eingebauten Selbstschutz. Man bekommt mehr Kräfte auf dem selbstlosen Weg, in dem Maße, wie man sie wirklich braucht, nicht mehr und nicht weniger.

Wenn man sein Ego mitnimmt, die Gesellschaft meidet, und eine Menge Willen hineintut, ist es aber durchaus möglich, einige ‘Kräfte des Überflusses’ früher zu erreichen, aber immer auf Kosten des früher oder später unvermeidlich erfolgenden Absturzes. Unvermeidlich, weil man sich durch die Selbstbefriedigung des Egos von der Ganzheit der Erfahrung trennt.
Und dieser Absturz ist sehr, sehr schmerzhaft. Man kann auf den höheren Ebenen Schwingungsebenen nur verbleiben, wenn man Teilen und Verbundenheit zu seiner Natur gemacht hat.

Wenn du dich mit diesen Kräften identifiziert, wirst du nur ein weiterer Unterdrücker auf diesem Planeten, mit mehr Macht allerdings. Und mehr Macht bedeutet, mehr Potential für Missbrauch. Glaube nicht, du könntest diese Kräfte für das Wohl der Menschheit einsetzen. Das ist Selbstbetrug. Erinnere dich an Boromir in Tolkiens ‘Herr der Ringe’. Er wollte den Ring von Frodo um sein Volk zu retten, und erkannte nicht, das er durch das Annehmen dieses Ringes, durch das Annehmen dieser Macht, dazu verdammt ist, sich mit dieser Kraft zu identifizieren und großes Übel zu erschaffen. Nur ein Geist von unschuldigem, kindgleichem Wesen, Frodo, ist in der Lage diesen Ring wenigstens zu tragen ohne in Versuchung zu kommen.

Mehr Kräfte kommen, wenn du sie nicht mehr brauchst und jeden Wunsch nach mehr Macht verloren hast.
Dies ist ein Paradox, aber wahr. Nur dann kann man sie wirklich für das Wohl aller handhaben. Vorher, wenn man bereits die Kräfte die man jetzt besitzt missbraucht, wie kann man erwarten mit mehr Macht weiser umgehen zu können? Hier gibt es keine Entschuldigung.
Schau dich nur in deinem Leben um, deine Frau, deine Kinder, Freunde, Kollegen. Du trägst zu einem mehr oder weniger großen Teil zu ihrem Wohlbefinden bei. Und du bist mit allem ausgestattet, mit allen nötigen Kräften, um deinen jetzigen Überfluss mit allen zu teilen.
Machst du das? Bist du glücklich? Oder verbirgst du dich, eine Entschuldigung suchend, dass eines Tages, wenn du groß und stark bist, alles gut machen wirst?
Dieser Tag wird niemals kommen, er kann immer nur im jetzigen Augenblick kommen, JETZT.

Gründlich wie Patanjali ist, hat er daher klar gesagt, das diese Kräfte ein Hindernis auf dem Pfad zu Kaivalya, der Befreiung, sind. Wenn man diese Kräfte wünscht, steht man sich also selbst im Weg.

Aber willst du wirklich jetzt befreit und erleuchtet werden?

Sei aufrichtig, sehr wahrscheinlich macht dir das Leben durchaus Spaß und du hast eigentlich noch nicht vor zu gehen. Wenn nicht, dann sehr wahrscheinlich, weil du es zurzeit echt schwer hast im Leben und unangenehme Erfahrungen machst. Aber, sobald man innere Fülle im Leben entwickelt – und damit ein gewisses Maß an Wahlfreiheit über das, was man erfahren möchte, was unvermeidbar ist, wenn man es schafft, seinen Geist zur Ruhe zu bekommen – wirst du erkennen, dass das Leben tatsächlich wunderschön ist.

Das Leben ist Fülle, wenn es keine Dualität von Täter/Opfer mehr gibt. Der Täter ist immer davon abhängig seine Macht von seinen Opfern zu beziehen, ihnen damit ihre Freude und ihren Lebenswillen aussaugend wie ein Vampir. Macht über andere Menschen zu haben ist ein Ersatz, der dazu dient, sich vor der Tatsache zu verbergen, dass man keine Macht über seine eigene innere Fülle und seine Erfahrungen besitzt. Sobald man seine innere Fülle erkennt, erlaubt man es nicht mehr Opfer zu sein, und die ‘Täter’ werden sich daher selbst ihrer eigene Fülle zuwenden müssen, oder sie entscheiden sich zu gehen, wenn hier kein Platz mehr für dieses Verhalten ist.

Leben bedeutet unendliche Möglichkeiten zum erforschen und zum genießen, und die meisten der Freuden stammen davon, sie mit Gefährten zu teilen. Sich alleine einen Sonnenuntergang anzusehen ist zwar schön, aber nichts im Vergleich dazu dieses Erlebnis mit Menschen, die man liebt zu teilen.

Aus diesem Grund bist du wahrscheinlich nicht hierher gekommen, um dich bei der erstbesten Gelegenheit Kaivalya zu erlangen, wieder zu verdrücken! Ok, das war vielleicht ein wenig hart, aber ich meine es. Die meisten Menschen ,die sagen, sie würden nach Erleuchtung suchen, suchen eigentlich nur nach einer Entschuldigung sich zu verdrücken. Sei dir dieser Tendenzen in dir selbst bewusst.

Also, verleugne nicht die Kräfte und Schaffensfreude, die du bereits hast. Sie sind dein Geburtsrecht als Seele, als Funke des universellen Feuers namens Bewusstsein.

Trotz allem hat Patanjali damit recht, wenn er sagt, das die Kräfte über die er in Kapitel 3 schreibt ein Hindernis auf dem Weg zu Kaivalya sind. Wenn es dir gut geht und das Leben erfreulich ist, will man diese Erfahrung nicht beenden. Je besser es also einem im Leben geht, so unwahrscheinlicher ist es, das man nach Befreiung strebt.
Erst wenn man genug hat von all den Erfahrungen, die man im Leben machen kann, ist es sehr viel wahrscheinlicher, das man in Kaivalya fällt. Ich gebrauche das Wort ‘fällt’, da man es nicht erfahren kann. Ein getrenntes Ich der es erfahren könnte, gibt es dann nicht mehr.
Außerdem hat jede Erfahrung die Eigenschaft zu enden, daher ist Kaivalya, das Ziel von Yoga, nicht etwas, was in Zeit existieren kann. Es aktiv zu suchen, ist daher immer von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Akt des Suchens findet immer in Zeit und Raum statt, und dort wird man nur weitere Erfahrungen machen können, aber nicht die Essens der Erfahrung.

Tatsächlich ist Kaivalya etwas, was man die ganze Zeit erfährt, man kann nicht ohne es existieren. Man ist sich dessen nur nicht bewusst.
Unser Geist ist so stark im Konzept von Raum und Zeit gegründet, das wir uns Yoga als einen linearen, zeitgebundenen Prozess vorstellen, was er aber nicht ist. Patanjali muss jedoch Begriffe aus unserem Zeit-Raum-Erfahrungskontinuum wählen, um damit etwas verständlich zu machen, was Zeit und Raum transzendiert.
Jeder Moment in deinem Leben ist ein Moment von Kaivalya. Jeder einzelne Augenblick deines Lebens kann eine Erneuerung sein, die Welt mit frischen Augen sehend, die antrainierten Begriffe und Konzepte hinter dir lassend.
Zwischen einem Augenblick und dem nächsten, taucht man viele tausendmal in diesen Zustand ein. Rein und raus und rein und raus. Was wir außen sehen, ist nur das Muster, die Schwingung des Konzepts dieser Information von Ich, wie sie sich im Zeitstrom ein- und ausfädelt.

Deine Erleuchtung ist nicht in der Zukunft, sie ist JETZT, kann niemals in irgendeinem anderen Moment sein.

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